[ANDREA HILDEBRANDT]  

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VERZAUBERTE ORTE UND ZERSTOBENE IDYLLEN

Reinhold Gries [Kunsthistoriker], Offenbach 2012

Die zwischen Berlin und einem mecklenburgischen Dörfchen im Hinterland des Boddens pendelnde Künstlerin Andrea Hildebrandt weiß, wovon sie spricht, zeichnet und malt, wenn sie über die Zerstörung der Landschaft durch Monokulturen spricht. Von ihrem Hof aus, auf dem sie sich mit Berliner Künstlern zum nordvorpommerschem „NOVOPO“-Kunstprojekt trifft, kann sie die Ausplünderung und das Verschwinden von Natur beobachten, auch durch Beton-Funkmasten, Hochspannungstrassen und Windräder. Auch deshalb geht die 31-jährige fast jeden Tag in den Wald, wo sie in hohen Bäumen und dschungelhaft Verwachsenem, über den Waldboden Kriechendem und hoch hinaus Strebendem Inspiration findet. Was sie dabei sieht und fühlt, bringt sie in sensiblen Konturen und Strichlagen mit Grafit- und Buntstift zu Papier oder verarbeitet es zu poetisch-expressiver Malerei, die vielschichtig wirkt.

Die feine Ästhetik ihrer „Canopy“-Serie zu bizarr gezeichneten Baumkronen mutet oft an wie fernöstliche Zeichenkunst oder auch wie fantasievoll wuchernde Astwerk- und Wurzelstudien deutscher Romantiker des 19. Jahrhunderts. Dazu kommt die für Hildebrandt typische  Formauflösung und   Fragmentierung,  dem  steten  Wachsen  und   Vergehen der  Natur  nachempfunden. In  Buntstift- Kompositionen wie „Gregarious“ oder Grafit-Zeichnungen wie „Buschland“ dringt die in Greifswald und Berlin Ausgebildete durchaus rhythmisch zu abstrakteren Bildideen vor. „Natur ist für mich der Anhaltspunkt“, sagt Hildebrandt dazu.

Wenn sie Eitempera-, Öl- und Acrylfarbe ins Spiel bringt, wird Malen zum Abenteuer. Da verwandeln sich Bäume und Wildpflanzen zu farbintensiven Farbflächen und Formenspielen, die noch gegenständlich sein können, sich aber in freier Formulierung so verzweigen und verbiegen, dass man das „Gewirr“ nennen kann. Derlei Transformationen führen in eine zuweilen beunruhigende Zauberwelt, vor allem, wenn das Auge keinen Haltepunkt inmitten dynamischer Pinselschwünge mehr findet. Ausdrucksstarke Gemälde wie „Comes out of the thicket“ oder „Rot“ geleiten in ein Dickicht der Imagination, in dem sich Idyll und Bedrohung überlagern. Bei manchen der neoexpressiven Zeichnungen und Malereien fühlt man sich nicht nur an die Neuen Wilden sondern auch an die Frankfurter Künstlergruppe „Quadriga“ erinnert. Deren Neuanfänge moderner Malerei nach dem 2. Weltkrieg schreibt Hildebrandt fort, ohne es zu wissen.

Meisterlich  versteht   es die gebürtige  Zwickauerin auch, Kleinformaten inneres  Leben und Weite einzuhauchen. Die Sicht vom Gespensterwald auf die Bucht bei Warnemünde oder der Blick in das Holz bei Weitenhagen haben Wiedererkennungswert, obwohl verwendete Farbklänge oft fremdartig wirken. Da gilt: Zivilisationskritik ist Hildebrandts Hintergrundfolie, auch wenn sie „Ash contend“, den Raketenstart von Kap Kennedy und ein über Farbdetonationen schwebendes Tier direkt neben schön gemalte Landschaft oder zerstobene Idyllen hängt. Wie viele Heutige ist sie hin- und hergerissen zwischen disharmonischer Umweltrealität und tiefgründiger Natursehnsucht. Die  Ambivalenz  überbrückt sie künstlerisch, indem sie das romantische  Naturbild - aus  der Sicht des  davon abgespaltenen Menschen – neu definiert.

 

 

FREMDE WELTEN?

Anmerkungen zu den Arbeiten von Andrea Hildebrandt

Michael Soltau [Professor für Bildende Kunst, visuelle Medien und ihre Didaktik  am Caspar-David-Friedrich-Institut

der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald], Greifswald, März 2009

In der Landschaftsmalerei formuliert der Bildende Künstler Hinweise über uns und unser Verhältnis zu unserer Umgebung, der Natur. Am Beispiel der Landschaft unternimmt er den stets neuen Versuch, sich der Welt im Dialog zwischen Innen und Außen zu vergewissern. Seine Empfindungen tragen dazu bei, sich dem unverständlichen großen Ganzen zu nähern und dabei seinen individuellen Ort zu definieren. Auf diese Weise erhält der Betrachter die Möglichkeit, die eigene Wahrnehmung in Relation zur subjektiven Äußerung des Malers zu überprüfen und seine eigene Sicht auf die Dinge weiter zu entwickeln.

In ihren gemalten Landschaften entwirft Andrea Hildebrandt Naturräume, die jenseits der erfahrbaren Wirklichkeit liegen. Sie formuliert innere Landschaften, denen sie in sensibler oft poetisch-expressiver Malweise den Charakter von archaischen Orten gibt. Farbe und Bildaufbau rufen Assoziationen zu fernöstlicher Malerei hervor. Erinnerungen und Visionen verschmelzen zu Metaphern der Unruhe und der fragilen Harmonie.  Skepsis und Euphorie verbinden sich jenseits der Melancholie. Mensch und Tier beleben die Szenerie wie beiläufig, nahezu fremd in unausgesprochener Gemeinschaft. Zu farbigen Zeichen reduziert finden sie nur schwer Zugang zur Vegetation einer anderen Zeit. Raumanzug und Karussell versinnbildlichen die Vehikel des verloren geglaubten Paradieses, eines locus amoenus auf einem anderen Planeten.

Die kulissenartigen Inszenierungen Claude Lorrains und die romantischen Landschaften Caspar David Friedrichs haben Andrea Hildebrandt sicherlich beeinflusst. Kenntnisse zu symbolistischen Bildwelten und den Elementen der Pittura Metaphysica Giorgio de Chiricos gehören gewiss zum intuitiven Potenzial der Malerin. Unabhängig davon entwickelt sie zielsicher eine autonome Bildsprache, eine selbstverständliche künstlerische Ebene des Authentischen und des Unverwechselbaren, die Vorraussetzung für die Qualität des Besonderen.

Der Maler Gerhard Merz hat sich einmal vorgestellt, es gäbe einen Himmel für Künstler. Dort später, angesichts der ganz Großen seiner Zunft,  „nicht als peinlicher Idiot“ da zu stehen, war sein wesentliches Anliegen; man dürfe schlicht „den Stoff nicht verraten“Gerhard Merz skizziert hier eine Haltung des Aufrichtigen und der Ehrlichkeit, der sich auch Andrea Hildebrandt verpflichtet fühlt.